Vom Nachbarn zum Partner – deutsch-polnische Kooperationsprojekte der BGZ in der beruflichen Bildung

Berlin ist Polen besonders eng verbunden. Durch den EU-Beitritt des Nachbarlandes ergaben sich neue Perspektiven und Erfordernisse der Kooperation. Die BGZ hatte die Möglichkeit, diese historisch bewegte Zeit der EU-Erweiterung aktiv mitzugestalten: Sie tat das im Zeitraum 2001 bis 2007 u. a. mit 50 deutsch-polnischen Einzelprojekten – geschnürt zu einem Gesamtpaket -, an denen mehr als 900 Berlinerinnen und Berliner teilnahmen und profitierten.

Ziel des Gesamtkonzepts war es, den Austausch zwischen Berufsbildungsverantwortlichen beider Länder zu fördern, Fragen der Anerkennung von Bildungsabschlüssen zu klären, stabile Netzwerke für die gegenseitige Entsendung von Praktikant/innen aufzubauen und die Ergebnisse dieses Austausches nachhaltig zu machen.

Die BGZ hatte dabei eine Doppelfunktion als durchführende und koordinierende Einrichtung inne. Sie wählte Akteure und Partner für die Teilprojekte aus, sicherte Kommunikation, Synergien, Transfer zwischen Partnern, Akteuren und Maßnahmearten. Einzelaktivitäten verschiedener Akteure und Träger bekamen ihren festen Platz in einem Gesamtkonzept. Die BGZ initiierte und aktivierte damit zugleich den Aufbau des Berliner Netzwerkes mit Polen.

 „Wir haben zahlreiche Projekte erfolgreich mit der BGZ abgeschlossen und wissen, was es bedeutet, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Die BGZ hat den Austausch zwischen den Handwerkern immer zu hundert Prozent unterstützt. Davon profitieren sowohl das polnische als auch das Berliner Handwerk. Über die Jahre sind sogar viele Freundschaften entstanden.“

Maciej Prószyński Generaldirektor im Związek Rzemiosła Polskiego (Dachverband des Polnischen Handwerks, Warschau)

Das Gesamtkonzept bestand aus vier aufeinander abgestimmten Maßnahmetypen. Einbezogen waren alle wichtigen Akteure der beruflichen Bildung: Die Bildungsverantwortlichen, die an den Erfahrungsaustauschen in Polen teilnahmen, inhaltliche Schwerpunkte setzten und die Berufspraktika vorbereiteten; die Jugendlichen, die Berufspraktika in Polen absolvierten, die Deutsch-Polnische Expertenkommission, die als „Think Tank“ fungierte und das Deutsch-Polnische Forum, das für Information, Austausch, Öffentlichkeit und neue Kontakte sorgte.

1. Deutsch-polnische Erfahrungsaustausche für Bildungsverantwortliche

Die Erfahrungsaustausche dauerten jeweils eine Woche und führten die Teilnehmer/innen u.a. nach Warschau, Posen, Krakau, Kattowitz. In diesem Bereich gab es 16 Projekte mit rund 500 Teilnehmer/innen aus Berlin und Brandenburg.

Die Projekte dienten dem Kennenlernen des polnischen Berufsbildungssystems und der Vorbereitung von Praktika für Berliner Jugendliche. Ausbilder/innen und Bildungsverantwortliche beider Länder entwickelten gemeinsam Empfehlungen und Strategien zur Modernisierung der Berufsbildung in beiden Ländern und schufen eine solide Basis für weitere Projekte und Wirtschaftskooperationen. Außerdem wurden Ausbildungseinrichtungen und Betriebe, das Ministerium für Nationale Bildung und das Wirtschaftsministerium sowie Kammern und Innungen besucht.

Durchgeführt wurden gewerkespezifische Austausche – z.B. in Zusammenarbeit mit den Berliner Innungen für Kfz, Bäcker und Konditoren, Fleischer, Maler-und Lackierer, Augenoptiker etc. Außerdem wurden gewebeübergreifende Seminare organisiert – z.B. zur Durchführung der Meisterprüfung in beiden Ländern und zur Frage, wie Handwerk als Berufsfeld attraktiver werden kann.

2. Deutsch-polnische Berufspraktika für Berliner Jugendliche und Auszubildende

Auslandspraktika für Jugendliche sind auch im Handwerk mittlerweile üblich. Trotz der Grenznähe gab es aber nur wenig Interesse an einem Praktikum im Nachbarland Polen. Das wollten wir ändern. Gemeinsam mit den Berufsbildungsverantwortlichen in OSZs und Innungen, die nach einem Seminar in Polen als Multiplikator/innen fungierten, wurden insgesamt 19 Praktika für 200 Berliner Jugendliche organisiert. Die Praktika dauerten 3 Wochen und wurden von mehrwöchigen Vor- und Nachbereitungsphasen umrahmt. Neben dem Kennenlernen neuer Techniken im eigenen Gewerk, dienten die Praktika auch der Stärkung fachlicher, sozialer sprachlicher und interkultureller Kompetenzen. Vertreten waren Berufe wie Holzbauer Gerüstbauer, Bürokaufleute, IT-Systemkaufleute, Einzelhandels- und Außenhandelskaufleute, Maler, Fleischer, Augenoptiker u.a.

Vielen Jugendlichen war das Nachbarland zunächst fremd – und erst recht die Sprache. Die positive Resonanz fast aller Teilnehmer/innen nach dem Auslandsaufenthalt hat die BGZ darin bestärkt, den Jugendaustausch nach Auslaufen der BMBF-Förderung über Leonardo-Projekte fortzuführen.

3. Die Deutsch-Polnische Expertenkommission im Handwerk

Die Deutsch-Polnische Expertenkommission war der „Think Tank“ und die Klammer für die anderen drei Maßnahmearten. Das paritätisch mit Entscheidungsträgern, Vertretern von Kammern und Innungen sowie Experten aus Polen und Deutschland besetzte Gremium bestand aus 14 Mitgliedern. Zu den Workshops in Warschau oder Berlin wurden u.a. Vertreter/innen der Berliner Senatsverwaltung, für Wirtschaft, Arbeit und Frauen, der Obersten Landesbehörde für Berufsbildung und Aufstiegsförderung (AFBG), der HwK Berlin entsandt. Von polnischer Seite nahmen an der Expertenkommission Vertreter des Bildungsministeriums (MEN), des ZPR-Verbandes des Polnischen Handwerks und der Handelskammern Krakau, Allenstein, Posen und Bialystok teil.

Aufgabe der Kommission war es, prinzipielle Fragestellungen in der deutsch-polnischen Berufsbildungszusammenarbeit im Handwerk voranzubringen. Die Kommission erarbeitete Stellungnahmen und Konzepte zu Bildungsstandards beider Länder, aktuelle Zertifizierungsmöglichkeiten in Polen, gegenseitige Anerkennung von Berufsabschlüssen, Auswirkungen von EU-Richtlinien und –vorschriften auf die künftige Bildungszusammenarbeit. Die Kommission bewertete die Ergebnisse der anderen Maßnahmen und legte die konkreten Schritte für die nächsten Austausche fest.

4. Das Deutsch-Polnische Forum

Um die Ergebnisse der deutsch-polnischen Berufsbildungszusammenarbeit in eine breitere Fachöffentlichkeit zu bringen, organisierte die BGZ gemeinsam mit der Handwerkskammer Berlin das „Deutsch-polnische Forum“. Eingeladen waren Vertreter/innen aus Betrieben, Innungen, Oberstufenzentren und der Verwaltung.

Die Plattform sorgte für Transfer, Öffentlichkeit und Nachhaltigkeit für die Ergebnisse der Kooperation. Umgekehrt sicherte sie dem Gesamtkonzept die unmittelbare Anbindung an die betriebliche Praxis und die Bedarfe des Berliner Handwerks. Vertreter/innen der Expertenkommission referierten im Forum, um Ergebnisse in die Breite zu tragen, sie in der Praxis und in der Aus- und Weiterbildung zu verorten und neue Impulse aus der Praxis zu empfangen.

Das Forum fand in der Projektlaufzeit 6mal statt und erreichte 160 Teilnehmer/innen.

Ergebnisse des BGZ-Kooperationskonzepts

Das BMBF-Projekt gehört zu den nachhaltigsten der BGZ. Es wurden

  • ein großes Netzwerk in der deutsch-polnischen Zusammenarbeit aufgebaut, das sich durch ein besonderes Vertrauensverhältnis auszeichnet
  • direkte Kooperationen zwischen Innungen und Verbänden begründet– zum Beispiel im Gebäudereinigerhandwerk und im Baubereich
  • eine Vielzahl von Folgeprojekten angeschoben: UMBAU & KO KO-Transfer, TRIALOG, Going Europe, BerufeGlobal, Leonida, 3F for Future GiB8!

 “Seit vielen Jahren initiiert die BGZ Projekte, die den Vergleich unterschiedlicher Berufsbildungssysteme innerhalb der EU-Länder zum Inhalt haben. Damit ist es gelungen, unterschiedliche Kompetenzstandards anzugleichen und die Bildungssysteme einander näher zu bringen. Qualität und Nachhaltigkeit stehen dabei stets an vorderster Stelle.”

Tomasz Wika, Direktor WIR – Handwerkskammer Großpolens in Posen

Ein nachhaltiges Beispiel länderübergreifender Zusammenarbeit diesseits und jenseits der Oder ist die Oder-Partnerschaft. Unter dem Motto „Grenzen trennen – die Oder verbindet“ bildeten die Länder der Oder-Partnerschaft (www.oder-partnerschaft.eu) ein informelles interregionales Netzwerk, in dem sie projektorientiert zusammenarbeiten. Ziel ist es, einen leistungsfähigen lebenswerten politisch und infrastrukturell vernetzten auf möglichst vielen Gebieten kooperierenden dynamischen Wirtschaftsraum in Europa zu entwickeln.

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Projektdetails

Durchgeführt in:

Berlin und Polen (u. a. Warschau, Posen, Stettin, Grünberg, Krakau, Allenstein)

Laufzeit:

2001 – 2007

Partner in Berlin:

Hwk, IHK, zahlreiche Innungen und Oberstufenzentren, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport

Transnationale Partner:

ZRP Warschau, Polnische Kammern und Innungen (u.a. WIR Hwk Großpolens in Posen, Hwk Allenstein, Hwk Kattowitz), ZDZ Warschau

Ansprechperson:

Grazyna Wittgen
Tel.:+49(0)30 809941-14

Geber:

BMBF / ESF

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